
Für die aktuelle Ausgabe des Kulturmagazins literaturkritik.de hat Volker A. Zahn mit dem Journalisten Herbert Hoven über Lust und Frust beim Drehbuchschreiben gesprochen. Was den Autor und seine Frau Eva beschäftigt, motiviert und verärgert, ein Gespräch über Persönliches, Politisches und Dramaturgisches – und warum sich im Krimi die leidige Frage nach dem Alibi nicht immer vermeiden lässt. Das ganze Interview gibt's unter https://literaturkritik.de/hoven-zahn-im-tatort,32163.html Anbei ein paar interessante Passagen aus dem längeren Gespräch:
Über die Schwierigkeit, relevate Stoffe zu platzieren:
„Wir müssen jemanden finden, der sich für unsere Idee oder Geschichte begeistert, und diese Person muss dann im Sender für unser Projekt kämpfen. Bei der Vielzahl an Gremien, die zum Beispiel die ARD bevölkern, gleicht dieser Prozess oft einem Lotteriespiel. Und seit die öffentlich-rechtlichen Sender angefangen haben, ihr Publikum in Zielgruppen oder 'Eroberungszielgruppen' aufzuteilen, wird es für uns Kreative noch schwieriger zu verstehen, wonach die Redaktionen suchen. Wahrscheinlich sind wir da etwas naiv, aber wir glauben noch immer an die Kraft einer guten Geschichte und starker Charaktere – und dass wir mit einer mitreißenden, emotionalen und spannenden Story die Raumfahrttechnikerin genauso erreichen können wie den BWL-Studenten und die Netto-Kassiererin. Die Idee, für bestimmte Bevölkerungsgruppen wie 'junge statusorientierte Frauen' oder 'Verunsicherte' passgenaue fiktionale Projekte anzubieten, widerspricht fundamental unserem Anspruch als Geschichtenerzähler, möglichst viele und unterschiedliche tickende Menschen für unsere Story zu begeistern. Aber es gibt überdies ja auch noch eine Tendenz hin zu mehr Eskapismus. Und je mehr sich in den letzten Jahren die Weltlage verschlimmert hat, desto größer ist in den Sendern das Bedürfnis nach leichten Stoffen, nach dem Wegträumen. Nicht falsch verstehen: Gegen eskapistische Stoffe ist grundsätzlich nichts einzuwenden und die Zuschauenden auf diese Art zu gewinnen, ist ebenfalls eine hohe Kunst. Aber dieser Trend darf eben nicht dazu führen, dass für die politisch oder gesellschaftlich relevanten Themen kaum noch Sendeplätze freigehalten werden.“
Über das gescheiterte Serienprojekt „EG Hoffnung“ (Westside Film/Constantin):
„Wir haben vor circa fünf Jahren angefangen, eine Serie über den Missbrauchsskandal von Bergisch-Gladbach zu entwickeln. Im Oktober 2019 wurden bei einer Hausdurchsuchung zahlreiche Festplatten mit Terabytes kinderpornografischen Materials sichergestellt. Dahinter steckte ein Netzwerk aus Tausenden Missbrauchstätern, die sich via Internet zu schlimmsten sexuellen Gewalttaten gegen Kinder verabredeten. Und in diesen Sumpf tauchte jetzt eine Ermittlungsgruppe ab, die dabei einen Paradigmenwechsel in der Polizeiarbeit vollzog: Es ging natürlich darum, die Täter zu finden und ihnen den Prozess zu machen, aber Priorität hatte die Rettung der Kinder. Diese Beamtinnen und Beamte sind für uns echte Helden, Menschen, die zum Wohl der Opfer ihre eigene Gesundheit riskieren. Wir fanden es wichtig, die Geschichte dieser Heldinnen und Helden zu erzählen, und als der WDR signalisierte, dass er das ähnlich sieht, begannen wir mit der Arbeit. Drei Jahre haben wir recherchiert und geschrieben, wir haben dabei sehr eng und vertrauensvoll mit den zuständigen Ermittlerinnen und Ermittlern zusammengearbeitet, wir haben ungeheuerliche Dinge erfahren, die Recherche war intensiv und belastend, wir hatten die Unterstützung des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, das Schweizer Fernsehen wollte unbedingt in das Projekt einsteigen und hat entsprechende finanzielle Mittel in Aussicht gestellt. Als wir die sechs Bücher dann geschrieben und abgegeben hatten, begann eine Gremien-Odyssee, an deren Ende uns im Juni 2026 mitgeteilt wurde, dass man das Projekt doch nicht realisieren wolle. Über Inhalte wurde in der ganzen Zeit nicht gesprochen, und die Serie wurde auch nicht abgesagt, weil es den Büchern an Qualität gemangelt hat. Es gab keine offizielle Begründung, und so bleibt uns nur zu mutmaßen, dass der Sender erhebliche Zweifel an der Publikumswirksamkeit dieses Stoffs hat. Sexuelle Gewalt gegen Kinder ist für uns aber eine Thematik, die – verantwortungsvoll fiktional aufgearbeitet – ins öffentlich-rechtliche Fernsehen gehört. Natürlich ist das kein Feelgood-Thema, aber wenn öffentlich-rechtliche Sender von solchen Projekten, aus Angst das Publikum zu überfordern, Abstand nehmen, ist das für mich auch ein sehr bedenklicher politischer Vorgang.“
Über die „kreative Deutungshoheit“ von Drehbuchautor*innen:
„Zum Schreiben gehört das Verbessern dazu, auch Romane werden lektoriert, aber beim Drehbuch reden halt noch ein paar mehr Leute mit. Du hast die Produktionsfirma, die mitredet, weil eine Szene in einer Location spielt, für die es keine Drehgenehmigung gibt oder die schlichtweg zu teuer ist, du hast die Regie, die mitredet, weil sie inszenatorische Probleme sieht, du hast Schauspielerinnen und Schauspieler, die mitreden, weil sie manche Sätze mundgerechter haben möchten, du hast Senderverantwortliche, die mitreden, weil sie zum Beispiel ein Serien- oder Reihenformat schon lange kennen und dich auf Brüche in der inneren Logik einer Hauptfigur hinweisen. Das sind oft Anmerkungen und Vorschläge, mit denen wir gut leben können und für die wir auch dankbar sind. Alles, was der filmischen Umsetzung unserer Vision nutzt, findet unseren Zuspruch. Heikel wird es erst, wenn es an die Substanz geht, wenn Sätze fallen wie ‘Diese Figur ist mir unsympathisch‘ oder ‘Da geht der Zuschauer nicht mit‘ Das sind Anmerkungen, die sich aus persönlichen Geschmäckern oder Befindlichkeiten speisen und meistens keinen dramaturgischen oder inhaltlichen Nutzen haben, da kann es dann auch mal laut werden. Mittlerweile unterschreiben wir deshalb nur noch Verträge, in denen uns eingeräumt wird, die Regie mit auszusuchen. Früher hat man uns die Regie einfach vor die Nase gesetzt, da wurde in Drehbuchbesprechungen unser Skript auch mal unter Gebrüll – ‘Ich kann diese Scheiße nicht inszenieren!‘ – durch den Raum geschleudert. Da wurde dann gerne mal von Leuten, die keine Ahnung vom Schreiben haben, im Buch rumgepfuscht. Heute schreiben wir die Drehfassung, und die Regie muss sich auf uns und unsere Vision einlassen, nur so macht die gemeinsame Arbeit am Buch auch Spaß. Wir haben zum Glück nur einmal die bittere Erfahrung gemacht, dass wir ziemlich eiskalt aus unserem eigenen Projekt gekickt wurden. Das war für uns die Initialzündung, gegen die Willkür, denen Autorinnen und Autoren oft ausgesetzt sind, politisch vorzugehen.“
Über Honorare und den Ausverkauf von Werken:
„Es gibt die Gemeinsamen Vergütungsregeln (GVR) des Deutschen Drehbuchverbands mit den Sendern. Die Mindesthonorare für viele Reihen, Serien und Einzelstücke fallen darunter. Für einen Tatort sind das zum Beispiel fast 90.000 Euro, für ein Einzelstück mehr als 65.000 Euro. Für Außenstehende hört sich das nach viel Geld an, aber wir reden hier über das Honorar für mitunter jahrelange Arbeit. Problematisch ist zudem, dass die Sender die vereinbarten Mindesthonorare gerne zu Standardhonoraren umwidmen. Und bei der weiteren Verwertung unserer Werke gehen wir meistens leer aus. Ich sehe jeden Tag, dass unsere ARD- und ZDF-Produktionen auf Streaming-Plattformen wie Apple TV, Magenta TV, Prime Video oder Netflix laufen. Von den Erlösen, die die Sender durch den Vertrieb dieser Werke erzielen, sehen wir in der Regel nichts. Aber wir sind es ja gewohnt, ins finanzielle Risiko zu gehen. Die Stoffentwicklung ist hierzulande brutal unterfinanziert und bei Projekten, an denen wir oft jahrelang arbeiten, kann es passieren – siehe unsere Missbrauchsserie –, dass sie am Ende doch nicht realisiert werden, der finanzielle Schaden, der uns dadurch entsteht, ist immens, denn der Großteil des Geldes fließt erst bei Drehbeginn. )…) Vor allem beim Vertrieb unserer Werke mangelt es definitiv an Respekt, da werden dann auf TV-Messen ganze Programm-Pakete an private Abnehmer wie Prime oder Magenta verramscht, zu Spottpreisen, die verhindern, dass auch nur ein Cent bei uns Kreativen ankommt. Um das mal klarzustellen: Das sind mit Gebührengeldern finanzierte Produktionen, die ein Gebührenzahler nur dann noch einmal zu sehen bekommt, wenn er beispielsweise ein Prime-Abo abschließt; während der Sender nach den Gebühren auch noch die Vertriebserlöse von privaten Streaming-Plattformen kassiert – und die Kreativen dabei in die Röhre gucken. Ganz krass: ZDF Studios verkauft seit Jahren die Originaldrehbücher der Serie „Soko Leipzig“ an eine tschechische Firma. Das Remake umfasst mittlerweile mehr als 200 Folgen und ist in Tschechien sehr erfolgreich. Wir Autorinnen und Autoren der Serie sind nur durch Zufall auf den Verkauf unserer Werke aufmerksam geworden, haben beim ZDF nachgefragt und wurden schließlich mit circa 150 Euro (!) pro Buch abgespeist. Zum Vergleich: Der Tarif für ein Originaldrehbuch (Abendprogramm, 45 Minuten) liegt hierzulande bei circa 25.000 Euro. Wir betroffenen Autorinnen und Autoren haben uns jetzt zusammengetan, einen Anwalt engagiert und dem ZDF mit Klage gedroht. Der Sender signalisiert zwar Entgegenkommen, aber die Summen, die uns in Aussicht gestellt werden, sind vor dem Hintergrund des Werts, den unsere Bücher für das ZDF und vor allem für den tschechischen Partner haben, einfach nur lächerlich. Und die Anwaltskosten machen das Ganze auch nicht erfreulicher.“
Über einen Krimi ohne Mord:
„Ein guter Krimi braucht nicht unbedingt einen Mord. Aber einen Tatort ohne Mord zu erzählen, ist natürlich eine Herausforderung, weil die vermeintliche Publikumserwartung mit einem starken Plot ausgetrickst werden muss. Abgesehen davon, dass es ungeschriebene Sender-Gesetze gibt, die den erzählerischen Korridor massiv einengen. Legendärer Satz eines Redakteurs: ‘Im Tatort muss in den ersten fünf Minuten eine Leiche auftauchen!‘ Außerdem wird unterstellt, dass ein guter TV-Krimi immer auch das Bedürfnis des Publikums nach Gerechtigkeit bedienen muss. Am Anfang treibt das Böse sein Unwesen, und dann stellen die Heldinnen und Helden die Ordnung wieder her. Da ist wahrscheinlich was dran, aber ich glaube, dass auch eine Krimigeschichte mit offenem Ende gut funktioniert, man muss sie halt brillant erzählen und den Mut haben, dem Publikum etwas zuzutrauen.“