Eva Zahn & Volker A. Zahn
Drehbuchautoren



Aktuelles


Das neue Fernsehfilm-Projekt von Eva Zahn und Volker A. Zahn erzählt eine Geschichte aus dem Jahr 2030 und spielt vor dem Hintergrund einer düsteren Zukunftsvision: Das Europa, das wir kennen, ist in Chaos, Armut und Gewalt versunken. Nach der dritten großen Finanzmarktkrise ist der Kontinent ökonomisch und politisch zusammengebrochen. Staatliche und zivilgesellschaftliche Strukturen haben sich weitgehend aufgelöst. Deutschland wird von einem autoritären Rechtspopulisten regiert, der mit Willkür und brutalen Einschüchterungsmaßnahmen das vollständige Auseinanderfallen der ehemaligen Bundesrepublik verhindern will. Überall im Land kommt es zu gewalttätigen Demonstrationen, Aufständen und Attentaten. Immer wieder gibt es Versorgungskrisen, viele Menschen hungern, Millionen leben in Armut und ohne Dach über dem Kopf. Auch in den anderen europäischen Staaten ist die Situation ähnlich dramatisch. Frankreich wird von einer brutalen Rechtsdiktatur regiert, Spanien und Italien sind auseinandergefallen, in vielen anderen Ländern herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände, Hungersnöte und Verelendung. Millionen Europäer sind deshalb auf der Flucht. Ziel der verzweifelten Menschen ist die „Southafrican Union“ ( SU). Die Länder der SU  erleben einen grandiosen Wirtschaftsboom, es herrscht politische und ökonomische Stabilität. Aber die Union kann und will nicht alle Flüchtlinge aus dem Norden aufnehmen. Mit Hilfe einer strengen Asylgesetzgebung und dem Einsatz von Grenzschützern versuchen sich die südafrikanischen Staaten gegen den Flüchtlingsstrom aus Europa abzuschotten…

Das Social-Fiction-Drama (Arbeitstitel: "Auf der Flucht") wird als Eventfilm von Kirsten Hager (Hager Moss Film) für das Erste (WDR/Degeto) produziert. Andreas Senn inszeniert das Buch von Eva Zahn und Volker A. Zahn, die Dreharbeiten werden in Südafrika stattfinden. Ein genauer Termin steht noch nicht fest.

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Rund 9, 5 Millionen Zuschauer verfolgten am letzten März-Wochenende den neuen TATORT von Eva Zahn und Volker A. Zahn. Viel Zuspruch gab es nicht nur vom Publikum, auch die meisten Kritiker waren voll des Lobes. Die tragische Geschichte der Halbbrüder Timo und Leon, die in einem Kieler Brennpunkt-Viertel aufwachsen, hat die Artikelschreiber diverser Zeitungen und Internet-Portale indes auch zu mitunter bizarren und gewagten Story-Interpretationen verleitet. Der Kritiker von „Spiegel online“ etwa zeigt sich ganz berauscht von der Figur des coolen Kiez-Bullen Thorsten „Rauschi“ Rausch (Tom Wlaschiha) und kürt den TV-Krimi in seinem Beitrag kurzerhand zum „Prekariats-Western“. Eine große Idee also, aber: „Dieses mythisch leicht erhöhte Spiel mit den soziologischen Zuschreibungen geht auf, solange Kommissar Borowski und Kollegin Sarah Brandt nicht auf der Bildfläche erscheinen. Da kippt der Prekariats-Western dann doch ins Problemfilmchen.“ Problematisch indes: Borowski und Brandt tauchen bereits nach zwei Minuten auf, und von „Rauschi“ ist bis dahin nichts zu sehen. Es mit der Wahrheit genau nehmen, ist auch für die Kollegen vom Boulevard eher mühselig. „Bild“ und „Express„ gelingt das Kunststück, in vier Zeilen Text drei grobe (aber leicht vermeidbare) Fehler unterzubringen: So verschätzt man sich beim Alter der Autoren um lässige 9 bzw. 15 Jahre (immerhin: zugunsten der Filmemacher), und der reale Fall aus der Oberpfalz, auf dem das Drehbuch angeblich basiert („Express“: „Die Horror-Wahrheit hinter dem ‘Tatort‘“) war den Autoren bis zur Veröffentlichung der Schlagzeilen-Blätter nicht bekannt; vielmehr hatten sie im Presseheft auf einen Fall in Berlin verwiesen, der bei der Ideen-Findung eine Rolle gespielt hatte. Erfindungsreichtum beschlich viele Kolleginnen und Kollegen auch auf der Assoziations-Ebene: Ein Schreiber der „Süddeutschen“ wähnt sich in „einem Sozialdrama, wie man es aus frühen Geschichten zum Beispiel mit Schimanski kennt“, der österreichische „Standard“ hält Kiel-Gaarden für eine „Sozialbautensiedlung, für die die ‘Projects‘ aus ‘The Wire‘ Pate gestanden haben könnten“, derweil Rauschi aussehe, „als wäre er aus Dennis Hoppers L.A.-Drama ‘Colors‘ entlehnt.“ Auch das Fernseh-Magazin „Prisma“ glaubt „viele, viele Anleihen bei amerikanischen Filmen“ entdeckt zu haben und führt diesbezüglich ausgerechnet den „Pferdeflüsterer“ an, während Ponkie in der Münchner „Abendzeitung“ auf Buñuels Bettler-Film „Los Olvidados“ querverweist, und ein Schreiber des „Neuen Deutschland“ in seiner TV-Kritik sinnfrei über „hochgepimpte Macherbuden der amerikanischen Ökonomie (Banken, Berater, Filmproduzenten)“ schwadroniert und zu dem Schluss kommt, „der Blaustich der Bilder“ sei „der Versuch, dem ästhetischen Non-Chic aus grauen Häusern und vermüllten Wohnungen Style abzugewinnen.“
Deutlich weniger irrlichternd resümiert der Kritiker des „Stern“: „So trist ist die Welt, in die ‘Borowski und die Kinder von Gaarden‘ die Zuschauer einführt. Der Film geht dabei sehr behutsam vor. Er beschönigt nichts. Verrät seine Charaktere aber auch zu keiner Zeit, selbst wenn es sich dabei um miese, sadistische Jungs handelt. Gleichzeitig schafft es die Folge, die Düsternis immer wieder mit kontrastierendem Humor ein wenig aufzulockern. Ein sehenswerter ‘Tatort“. Am Ende nimmt der Hund Reißaus, auf dem Weg in ein neues, besseres Zuhause. Zumindest er könnte eine bessere Zukunft finden. Zurück bleiben die Menschen in Gaarden. Sie müssen weiterleben, an diesem Ort ohne Hoffnung und Liebe.“
Der bewährte TV-Kritiker Tilmann P. Gangloff findet, dass „das Drehbuchpaar Eva und Volker A. Zahn einen Krimi mit starken Figuren geschrieben hat“ („evangelisch.de“), die „Frankfurter Neue Presse bescheinigt dem Film „durch seinen ungeschminkten Realismus eine bemerkenswerte Spannung“, die „Neue Zürcher Zeitung“ freut sich über „Dialoge von berückender Lakonie“, die WAZ hat ein „glaubwürdig geschriebenes und authentisch inszeniertes Sozialdrama“ gesehen, die „Welt“ jubelt über einen “Krimi der Extraklasse“, und für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ steht fest: „‘Borowski und die Kinder‘ zeigt einmal mehr, dass der Kieler Tatort zu den besten zählt.“
Die „Berliner Morgenpost“ konstatiert: „Es ist natürlich nicht ohne eine gewisse Ironie, dass nun mit dem Stadtteilpolizisten Torsten Rausch jemand auftaucht, den Kommissarin Sarah Brandt von früher kennt. Denn sie wird von Sibel Kekilli gespielt, während Torsten Rausch von Thomas Wlaschiha verkörpert wird, und wer die international erfolgreiche Fantasysaga ‘Game of Thrones‘ kennt, der weiß, dass die beiden dafür gemeinsam vor der Kamera gestanden haben. Das ist aber nicht mehr als eine kleine cineastische Verbeugung am Rande, dem Buch von Eva Zahn und Volker A. Zahn geht es um etwas sehr Ernstes. Es geht um zerstörte Kindheiten und die Folgen. Es geht um die vielleicht naive, aber letztlich alles entscheidende Frage, warum man zu Kindern unbedingt nett sein muss. Und was passieren kann, wenn nicht. “ Kluge Worte auch vom Kritiker der „Potsdamer Neuesten Nachrichten“: „Klar, der Tatort ist negativ - aber nicht auf eine strapazierende Art wie der Berliner Tatort der letzten Woche. Ein bisschen erhobenen Zeigefinger kann das Drehbuch von Eva Zahn und Volker A. Zahn durchaus verkraften, ohne aufdringlich zu wirken. Wie oft kommt es denn auch vor, dass sich mit einem so schwerwiegenden Thema vergriffen wird - ermordete Kinderficker sind eben plakativ, und als Sympathieträger sowieso ungeeignet. Eine Vorverurteilung findet dennoch nicht statt: Die Perspektive liegt auf den Kindern, deren Moral sich allzu sehr unterscheidet von denen, die vor den Fernsehsesseln richten. Was nützt sie auch, die Moral. Selbst Rauschi the legend hat längst aufgegeben, außerdem deutet irgendwann alles darauf hin, dass Steinhaus selbst das Opfer dieser perspektivlosen Kinder wurde, da spielen auch verfängliche Videoaufnahmen in eindeutig zweideutigen Situationen keine Rolle mehr. Vielleicht ist diese Darstellung des stigmatisierten Opfers nicht gewagt, sondern einfach nur konsequent. Überhaupt scheint sich der Kieler Tatort ein wenig mehr rausnehmen zu dürfen. Und das ist gut so. Ein großartiger Film. Unbedingt mehr davon, bitte!“
Kurzum: „Dieser Tatort vermeidet jede Sozialromantik, zeigt aber, wie die Dinge sind.“ („Frankfurter Rundschau“)

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Anlässlich der Ausstrahlung von „Borowski und die Kinder von Gaarden“ (am 29. März 2015 um 20, 15 Uhr im Ersten) führte der NDR ein kurzes Interview mit Eva Zahn und Volker A. Zahn über die Entstehung der Geschichte und ihre gemeinsame Arbeit als Drehbuchautoren.

NDR: Wie haben Sie die Idee für den Stoff gefunden?

Volker A. Zahn: Wir wollten für den Borowski-TATORT unbedingt eine Geschichte erzählen, die etwas mit Kiel zu tun hat. Und wer sich mit dieser Stadt und ihren Problemen beschäftigt, stößt zwangsläufig auf die empörend hohen Zahlen zur Kinderarmut. In Kiel-Gaarden, wo unsere Geschichte spielt, leben rund siebzig Prozent der Kinder unter 15 Jahren in Familien, die auf Sozialleistungen angewiesen sind.

Eva Zahn: Wir wollten aber von Anfang an kein klassisches Sozialdrama erzählen, sondern auf spannende Weise illustrieren, wie sich Kinderarmut in einem scheinbar wohlhabenden Land wie Deutschland manifestiert. Es geht ja in erster Linie nicht um einen Mangel an Essen oder Spielsachen, sondern um eklatante Vernachlässigung und Unterversorgung: emotional, sozial oder gesundheitlich.

NDR: Wie haben Sie Kinderarmut recherchiert und in eine Geschichte geformt?

Volker A. Zahn: Obwohl wir uns in einem Ermittler-Krimi bewegen, wollten wir möglichst nah an den Kindern erzählen. Wie verbringen sie ihre Zeit, was fasziniert sie, wovon träumen sie, wie managen sie den Zustand der permanenten Vernachlässigung… 

Eva Zahn: Was den Krimiplot angeht, haben wir uns von einem realen Fall inspirieren lassen. In einem Berliner Problembezirk gab vor ein paar Jahren einen ähnlichen „Jugendtreff“ in der Wohnung eines vorbestraften Pädophilen. Kinder und Jugendliche haben sich da täglich getroffen, Pornos geguckt, Alkohol getrunken, abgehangen, rumgealbert… Keiner der Jungs hatte Angst vor dem Kinderschänder, aber irgendwann hat er sich ausgerechnet an dem stillsten und sensibelsten Teenager vergangen. Aus Rache und Verzweiflung hat der Junge ihn daraufhin umgebracht. Eine tragische Geschichte, die uns nachhaltig berührt und beschäftigt hat.

Volker A. Zahn: Ganz wichtig in unserem Konstrukt war natürlich „Lassie“, der Hund, auf den sich die ganze Liebe und Sehnsucht eines der Kinder konzentriert.

NDR: Leon versucht, den Hund zu beschützen und für ihn da zu sein – etwas, was niemand für ihn macht. Das erinnert sehr daran, dass Menschen eher dazu neigen sich für Hunde einzusetzen als für Kinder.

Volker A. Zahn: Ja. Der Hund hat in der Nachbarin des Kinderschänders eine energische Fürsprecherin, sie macht sich vor allem Sorgen um das Wohl und die artgerechte Haltung des Vierbeiners. Ob die Kinder Gefahr laufen, missbraucht oder vergewaltigt zu werden, ist für sie eher zweitranging. Selbst Schuld!

Eva Zahn: Wenn man sich vor Augen führt, wie hierzulande Haustiere gepampert und vermenschlicht werden oder dass man für Hundefutter nur sieben Prozent Mehrwertsteuer zahlt und für Babynahrung 19 Prozent… dann deutet das zumindest auf ein gesellschaftliches Klima hin, in dem Tieren mitunter mehr Aufmerksamkeit und Fürsorge geschenkt wird als Kindern – vor allem, wenn sie aus prekären Verhältnissen kommen.

NDR: Ebenfalls ziemlich bitter ist, dass der Hund der Einzige ist, der auf den Gedanken kommt, aus Kiel Gaarden abzuhauen.

Volker A. Zahn: Anders als die Kinder kann er eben einfach weglaufen. Die Sehnsucht, aus Gaarden abzuhauen, wird in unserer Geschichte durch Timo verkörpert, er muss schon früh Verantwortung für seinen verstörten kleinen Bruder übernehmen und träumt davon, sich ein ganz normales Leben jenseits der Gaardener Tristesse aufzubauen. Aber Gaarden ist wie ein Stigma. Wenn du von hier kommst, musst du dich doppelt oder dreifach anstrengen – wenn man dich lässt: Es ist kein Geheimnis, dass Bewerbungsschreiben mit dem Absender Kiel-Gaarden oft ungelesen im Papierkorb verschwinden. Trotzdem: Wir wollten am Beispiel der Figur Timo einen Funken Hoffnung in diese perspektivische Düsternis bringen.

NDR: Timo ist intelligent und verblüfft Borowski mit tiefgreifenden Gedanken.

Volker A. Zahn: Das war uns wichtig: Zu zeigen, dass auch Kinder, die unter diesen Bedingungen aufwachsen, was draufhaben können, dass da sehr viel Potenzial ist und dass bei entsprechender Förderung und Bildung alles möglich ist. 

Eva Zahn: Wir wollen aber auch ein Gefühl dafür vermitteln, wie schnell Opfer in Täter umgewidmet werden – und wie rasant sich der Blick auf schwierige Kinder von einer mitleidigen Betrachtung in Vorwürfe und Anklagen verkehrt. Wenn ein Kind vernachlässigt wird, ist die Empörung groß. Aber sobald das Kind in die Pubertät kommt und Schwierigkeiten macht oder unbeq uem wird, wird seine Vorgeschichte ausgeblendet, und es heißt: „Sperrt ihn ein!“ Die Zustände und Verhältnisse, die ihn dahin gebracht haben, spielen dann meistens keine Rolle mehr.  

NDR: Thorsten 'Rauschi' Rausch ist eine Pflanze des Milieus. Er ist mit den Menschen in seinem Kiez sehr eng. Manchmal enger, als es sein dürfte. Inwieweit findet man dies auch in der Realität?

Eva Zahn: „Rauschi“ erscheint zuerst wie eine Kunstfigur, wie ein Sheriff in einer Westernstadt. Erst nach und nach erfährt der Zuschauer, dass sich hinter der coolen und etwas schillernden Fassade ein gebrochener Mann mit einem düsteren Geheimnis verbirgt, jemand, der sich langsam häutet und uns erst am Ende einen Blick in seine zutiefst verstörte Seele gewährt.

NDR: Sie durften Sarah Brandt ein Vergangenheit geben. Wie geht man da vor?

Volker A. Zahn: Das kann man nur in enger Absprache mit der Redaktion und natürlich mit Sibel Kekilli machen, da stellen wir uns als Autoren ganz in den Dienst des Formats. Schließlich müssen die Schauspielerin und andere Autorenkollegen nach unserem TATORT weiter damit leben.

NDR: Sie sind von Hause aus Journalisten. Journalisten müssen mit dem arbeiten, was sie haben. Geschichtenerzähler sind da freier. Was sind aus Ihrer Erfahrung die Schwächen und Stärken von Journalismus und Geschichten erzählen?

Eva Zahn: Am Anfang steht die Recherche. Sobald wir aber genug über ein Thema wissen, können wir uns von der Realität lösen und die Geschichte erzählen, die wir am spannendsten finden. Ich genieße es sehr, ohne den Objektivitätszwang zu erzählen, dem Journalisten unterworfen sind – oder unterworfen sein sollten.

Volker A. Zahn: Unser journalistischer Hintergrund macht sich vor allem bei der Recherche bezahlt. Wir wissen, wo wir Informationen bekommen, und wir können mittlerweile auf einen großen Pool von Informanten und Fachleuten zurückgreifen. Wenn ich einen Polizisten als Journalist befrage, verweist er mich an die Pressestelle, wenn ich ihn als Drehbuchautor befrage, ist er oft froh, mir etwas über seinen Job und seine Erfahrungen erzählen zu können. Unsere Kontaktleute wissen: Wir sind nicht an Namen oder Interna interessiert, sondern an der Wahrheit, so wie wir auch in unseren Geschichten wahrhaftig sein wollen, ganz gleich, wie fiktional oder ausgedacht unsere Plots oder Figuren sind.

NDR: Wie arbeiten Sie als Team? Sitzen Sie sich gegenüber und improvisieren Dialoge?

Eva Zahn: Wir sitzen über Eck… (lacht)

Volker A. Zahn: …und wir improvisieren nicht. Wir einigen uns auf ein Thema und entwerfen dann gemeinsam den Zugang zur Geschichte. Darüber und vor allem über unsere Figuren diskutieren wir dann in mehrstündigen Sessions – gerne beim Wandern – ausführlich, und wenn die Idee steht, wird sie aufgeschrieben. Und danach wird erneut diskutiert, frisiert, verbessert… solange, bis wir zufrieden sind. So geht das auch bei den nachfolgenden Arbeitsschritten: Schreiben, Diskutieren, Umschreiben, Diskutieren… 

Eva Zahn: Und übrigens, wir sind keine Geschlechter-Experten. Ich kann Männer, und Volker kann Frauen!

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Im Web-Portal „kriminetz.de“ dreht sich alles um Thriller, Spannung und Krimis. Eva Zahn und Volker A. Zahn beantworteten den Machern der Seite sieben Fragen über gemeinschaftliches Leben und Schreiben:

Kriminetz: Wie fing das an mit Ihrem gemeinsamen Schreiben? Haben Sie sich über das Schreiben kennengelernt?

Volker A. Zahn: Wir haben schon in den achtziger Jahren, zu Zeiten von „Dallas“ und „Denver“, an deutschen Serienformaten gestrickt – ohne auch nur den Hauch einer Ahnung davon zu haben, wie man ein Drehbuch schreibt oder an den Mann bringt. Wir waren Journalisten für Printmedien und kamen erst Jahre später wieder zum Film, als sich Folgendes zutrug: Für das Zeitgeist-Magazin WIENER hatte ich den Hammer aus der Tasche geholt und in einem ziemlich derben, aber humorvollen Rundumschlag Dutzende deutsche TV-Formate zunichte geschrieben. Georg Althammer, einem der „betroffenen“ Produzenten, gefiel dieses Pamphlet so gut, dass er mich anrief und meinte: „Wer das Fernsehen so unterhaltsam kritisieren kann, ist sicher auch in der Lage, besseres Fernsehen machen.“ So bekamen wir von ihm unsere ersten Aufträge … und die große Chance, uns als Filmautoren zu bewähren.

Kriminetz: Wie darf man sich Ihre gemeinsame Arbeit vorstellen - sitzen Sie gemeinsam am Computer? Oder arbeitet jeder in der Stille seines Schreibtisches und die Passagen werden hin und her gesandt?

Eva Zahn: Am Anfang steht eine Idee, manchmal nur ein Thema, dann machen wir uns meistens auf den Weg, gehen wandern oder umrunden den Decksteiner Weiher hier in Köln und brainstormen: Was für eine Geschichte möchten wir erzählen, welche Figuren könnten uns reizen, in welchem Genre ist unsere Idee am besten aufgehoben…? Wenn wir uns einig sind – und nur dann! – schreibt einer von uns ein Exposé, das wir dann wieder besprechen, zerpflücken, verändern, zuspitzen, verbessern, und wenn wir endlich zufrieden sind, suchen wir nach potenziellen Abnehmern, also Produktionsfirmen oder Sendern… Und so geht es auch in den folgenden Arbeitsschritten (Bilder-Treatment, Buch, Buch-Überarbeitung) weiter. Wir arbeiten in der Regel an vier bis sechs Projekten gleichzeitig. Jeder von uns schreibt für sich, und dann tauschen wir uns aus und entwickeln unsere Handlungen und Figuren gemeinsam weiter.

Kriminetz: Für das Drehbuch von „Mobbing“ haben Sie den Roman von Annette Pehnt adaptiert. Tobias Moretti und Susanne Wolff spielen im Film das Ehepaar, dessen Beziehung durch die veränderte Situation am Arbeitsplatz des Mannes in Frage gestellt wird. War es schwierig, sich beim Schreiben in Personen hinein zu versetzen, die sich jemand anderes ausgedacht hat?"

Volker A. Zahn: „Mobbing“ war unsere erste Roman-Adaption und deshalb eine echte Herausforderung. Aber schon nach unserem ersten Treffen mit Annette Pehnt war klar, dass wir eine ähnliche Sicht auf die Charaktere und Konflikte hatten, deshalb gab es in der Figuren-Adaption keinerlei Probleme. Schwierig war etwas anderes: Annette Pehnts Roman ist große Literatur, viel innerer Monolog, die Zeitebenen kunstvoll verschoben, wenig Handlung, kurzum: Gift für jede Film-Dramaturgie. Wir haben aber erst gar nicht versucht, einen Kompromiss zu finden. Wir wollten den Geist und den Kern des Romans unbedingt erhalten, und wir haben nicht einen Moment daran gezweifelt, dass die radikal subjektive Erzählperspektive des Romans aufgeweicht werden darf.

Eva Zahn: Natürlich mussten wir die Figur der Antje aktiver gestalten, in der Literatur kann eine Hauptfigur sehr viel passiver angelegt sein als im Film. Bei uns sollte Antje ein Fels in der Brandung sein, sie sollte um die Liebe kämpfen, erschöpft und wütend, aber bis zum bitteren Ende optimistisch. Wir mussten uns von vielen schönen Dingen, die im Roman stehen, trennen, wir mussten einiges dazu erfinden, neu strukturieren, aber ganz wichtig war uns immer, dass sich Annette Pehnt am Ende in diesem Film wiederfindet. Und das ist uns zum Glück auch gelungen.

Kriminetz: Lena war die erste TATORT-Kommissarin überhaupt. Mit ihr wurde den männerdominierten Fernsehermittlern endlich eine starke Frauenfigur gegenüber gestellt. In der sechzigsten Folge wird der Preis gezeigt, den sie bezahlt hat. Lena ist allein, außer ihrem Mitbewohner und ihrer Katze teilt niemand ihr Leben. Erfahrungen sind keine Währung, für die man irgendwo etwas eintauschen könnte. „Erfahrungen, das heißt doch nur, dass wir alt sind.“ Kriegt Lena nochmals die Kurve? Oder geht sie in Frührente?

Eva Zahn: Das hängt von den kommenden Geschichten ab. „Blackout“ hat gezeigt, dass die Zuschauer – und übrigens auch die meisten TV-Kritiker – die Figur noch nicht satt haben, und Ulrike Folkerts demonstriert in dem Film eindrucksvoll, wie viel Potenzial sich auch schauspielerisch noch aus der Lena-Figur generieren lässt. Ich wünsche mir, dass die Verantwortlichen die Figur mutig weiterführen.

Kriminetz: Schlagen Sie beide den Sendern Themen vor oder werden diese an Sie herangetragen?

Volker A. Zahn: Es gibt beide Varianten. Viele schöne Stücke wie „Ihr könnt euch niemals sicher sein“ (WDR) oder die Teenie-Komödie „Plötzlich berühmt“ (ProSieben) sind auf unserem Mist gewachsen, andere Anregungen und Ideen, etwa zu Filmen wie „Schurkenstück“ (WDR) oder dem Bluter-Drama „Unter der Haut“ (NDR), kamen von Redaktions- oder Produktionsseite.

Kriminetz: Sie schreiben schon seit einer ganzen Reihe von Jahren Drehbücher. Inwieweit hat sich Ihre „Autorenwelt“ seither verändert? Sind die Bedingungen heute andere als damals, als Sie damit begonnen haben?

Eva Zahn: Für uns persönlich sind die Bedingungen besser geworden, wir stecken nicht mehr – wie zu Beginn unserer Karriere – in der Krimi-Schublade und haben mehr Freiheiten bei der Auswahl unserer Projekte. Abgesehen davon scheuen die Sender und Produktionsfirmen infolge der grassierenden Sparmaßnahmen langwierige und teure Buchentwicklungen, das kommt erfahrenen Autoren wie uns entgegen, erleichtert aber die Chancen für junge Kolleginnen und Kollegen nicht unbedingt.

Volker A. Zahn: Positiv ist auch, dass sich der Markt zurzeit öffnet und verändert, neue Wettbewerber kommen ins Spiel und, nicht zuletzt angefeuert durch TV-Qualitätsprodukte aus den USA, könnte sich auch hierzulande endlich die Möglichkeit bieten, Serien jenseits der gängigen Strickmuster und Genres (Krimi + Krankenhaus) zu entwickeln.

Kriminetz: Sie haben schon so viele Drehbücher, von denen sehr viele verfilmt wurden, geschrieben. Angenommen, das Budget würde überhaupt keine Rolle spielen – welchen Film würden Sie dann realisieren wollen?

Eva Zahn: Es gibt ein Herzens-Projekt, das wir auf jeden Fall noch realisieren wollen: MILEVA, die bewegende und tragische Lebensgeschichte der Ehefrau von Albert Einstein. Das Buch ist geschrieben, Nicole Weegmann (“Ihr könnt euch niemals sicher sein“) möchte den Stoff inszenieren, der Verband Deutscher Drehbuchautoren hat unser Skript im vorletzten Jahr für den Deutschen Drehbuchpreis vorgeschlagen, jetzt fehlt uns „nur noch“ das Geld… oder ein Sender, der sein Geld sinnvoll anlegen will.

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Foto links: Eva Zahn und Volker A. Zahn bei der Verleihung des ver.di-Fernsehpreises in Leipzig

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10, 4 Millionen Zuschauer haben dem von Eva Zahn und Volker A. Zahn geschriebenen Tatort „Blackout“ die höchste Einschaltquote eines Lena Odenthal-Krimis seit 1991 beschert. „Ein voller Erfolg zum Jubiläum“, schreibt Spiegel online, „und eine Bestätigung für den SWR, ruhig mal wieder unbequemere Odenthal-Krimis in Auftrag zu geben.“ Zumal das K.O.-Tropfen-Drama auch in der begehrten jüngeren Zielgruppe den Tagessieg einfuhr: Dort betrug der Marktwert stattliche 23,5 Prozent.
Auch die TV-Kritiker fanden – bis auf wenige Ausnahmen – Gefallen an dem Jubiläums-Tatort:
„Wie also umgehen mit einer gewissen Feierlichkeit, die daher rührt, dass Frau Odenthal just in jenem Moment auftauchte, in dem die Mauer verschwand, ohne dies gleich mit sozialpolitischem Klimbim zu überfrachten?“ fragt die Neue Zürcher Zeitung. „Mit dem üblichen Dienstaltersgeschenk ist es aber auch nicht einfach getan. Die Autoren Eva Zahn und Volker A. Zahn finden in der Jubiläums-Folge ‘Blackout‘ diesbezüglich eine gute Mischung, welche die Vergangenheit mitnimmt und gleichzeitig in die Zukunft weist. Damit machen sie allerdings nicht zuletzt auch geschickt ein Hintertürchen auf für den Fall, dass der Facelift in Ludwigshafen partout nicht mehr gelingen sollte.“
Mit Blick auf mehrere in den Fall verstrickte Frauen schreibt Christian Buß auf Spiegel online: "Reichlich Gelegenheit, dass sich Odenthal geschmeidig in die Geschlechtsgenossinnen einfühlen könnte. Aber an dieser Art von Betroffenheitsgymnastik hat das Autorenduo Eva und Volker A. Zahn zum Glück kein Interesse. Die Drehbuchautoren haben zuvor das Mittelstandsdrama 'Mobbing' geschrieben, in dem ein Angestellter unter dem Zermürbungstechniken seiner Arbeitgeberin zur leblosen Hülle verkommt. Hier wiederholt sich gleichsam der Mechanismus an Lena Odenthal. Die Arbeit setzt ihr zu, sie verliert nach und nach ihre Empathie. Das Leiden der betrogenen Ehefrau lässt Single Lena kalt, fast sadistisch rattert sie die Affären ihres Mannes vor der Trauernden runter, die sich danach in der Badewanne die Pulsadern aufzuschlitzen versucht; vor den flehentlichen Annäherungen des Opfers nimmt Odenthal geradezu Reißaus. Das Einfühlungsvermögen ist weg, jedes ihrer Worte wirkt wie ein Hieb, und was wollen die anderen überhaupt immer von ihr? Lost in Ludwigshafen. (...) Odenthal, so egoman und ausgebrannt wie noch nie. (…) Nach längerer Durststrecke endlich mal wieder ein ‘Tatort‘ aus Ludwigshafen, der einen anfasst.“
Auch TV-Kritiker und Grimme-Juror Tilmann P. Gangloff zieht ein positives Fazit: „Lena Odenthals sechzigster Fall ist einer der schwersten, und das keineswegs bloß, weil es nach der Vergewaltigung und Ermordung eines Unternehmers nur Vermutungen, aber keinerlei Hinweise auf mögliche Täter gibt. Seinen Reiz bezieht der Film jedoch aus der Hauptfigur: Seit geraumer Zeit leidet die Hauptkommissarin unter Schlaflosigkeit. Nicht nur der Beruf zehrt an ihrer Substanz, auch die Furcht vor der Einsamkeit. Von einer forschen jungen Kollegin muss sie sich gar darauf hinweisen lassen, sie sei schließlich nicht mehr die Jüngste. In der harmonischen Verknüpfung dieser beiden Ebenen liegt die große Qualität des Drehbuchs von Eva und Volker A. Zahn, denn auch bei den Ermittlungen spielt die Einsamkeit des modernen Menschen immer wieder eine Rolle. Schon der Einstieg, ein Flug übers nächtlich illuminierte Ludwigshafen (Bildgestaltung: Andreas Schäfauer), zeigt die pfälzische Stadt als anonyme Metropole, in der schließlich eine junge Frau mutterseelenallein und offensichtlich orientierungslos über die Rheinbrücke irrt. Am Ende wird sich der Kreis schließen; nun steht die Kommissarin allein auf der Brücke. Allein dieses dramaturgische Detail zeigt, wie sorgfältig Buch und Regie den Film gerade auch bildsprachlich konzipiert haben. Der Fall tut ein Übriges, denn er konfrontiert die Polizistin mit fast allen nur denkbaren menschlichen Abgründen.“

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